Ruhepol Folge 90
Shownotes
Ruhepol Folge 90 Erinnerungen, die nie unsere waren
Können wir die Vergangenheit anderer in uns tragen?
Manche Erinnerungen fühlen sich vollkommen vertraut an – obwohl wir vielleicht gar nicht sicher wissen, ob wir das Erlebte selbst gesehen haben, ob es uns erzählt wurde oder ob sich aus Fotos, Geschichten und Vorstellungen irgendwann ein eigenes inneres Bild entwickelt hat.
In dieser Folge von Ruhepol – deinem Podcast für Inspiration und innere Balance geht es um die faszinierende Grenze zwischen Erinnern, Vorstellen und Weitergeben.
Wir schauen darauf, warum unser Gedächtnis kein unveränderliches Archiv ist, sondern Erinnerungen immer wieder rekonstruiert. Dabei geht es um False Memories, um die Frage nach der Quelle unserer Erinnerungen und um Familiengeschichten, die über Generationen hinweg Teil unserer eigenen inneren Welt werden können.
Ein besonderer Blick gilt dem von Marianne Hirsch geprägten Konzept der Postmemory: Wie können Erlebnisse früherer Generationen durch Erzählungen, Fotografien, Verhaltensweisen und Schweigen so präsent werden, dass sie sich für Nachkommen beinahe wie eigene Erinnerungen anfühlen?
Außerdem geht es um die Epigenetik und die spannende, aber wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärte Frage, ob extreme Erfahrungen früherer Generationen biologische Spuren bei nachfolgenden Generationen hinterlassen können.
Wichtig dabei: Konkrete Erinnerungen werden nicht genetisch vererbt. Vergangenheit kann uns jedoch auf vielen anderen Wegen erreichen – über Familie, Beziehungen, Ängste, Rituale, Erzählungen und die Bilder, die wir daraus erschaffen.
📚 Buchtipps
Marianne Hirsch – The Generation of Postmemory: Writing and Visual Culture After the Holocaust Ein zentrales Werk zum Begriff „Postmemory“ und zur Frage, wie nachfolgende Generationen mit Erfahrungen leben, die sie selbst nicht erlebt haben.
Elizabeth F. Loftus & Katherine Ketcham – The Myth of Repressed Memory Ein Klassiker zur Erforschung von Erinnerung, Suggestion und der Entstehung vermeintlicher Erinnerungen.
Daniel L. Schacter – The Seven Sins of Memory Ein verständlicher Einblick in die Funktionsweise unseres Gedächtnisses – und warum Vergessen, Verändern und Rekonstruieren zu seinen normalen Eigenschaften gehören.
Mark Wolynn – It Didn’t Start with You Ein populärwissenschaftlicher Blick auf generationenübergreifende Belastungen. Lesenswert als ergänzende Perspektive, wobei einige weitreichende Aussagen zur biologischen Weitergabe von Trauma wissenschaftlich umstritten sind.
💭 Impuls der Folge
Welche deiner frühesten Erinnerungen stammen wirklich aus deinem eigenen Erleben? Welche kennst du vielleicht aus Fotos oder Erzählungen? Und welche Geschichte deiner Familie ist dir so vertraut geworden, dass du beinahe das Gefühl hast, selbst dabei gewesen zu sein?
Vielleicht ist Erinnerung weniger ein persönliches Archiv als ein Geflecht aus Erlebtem, Erzähltem, Vorgestelltem und Weitergegebenem.
🎧 Ruhepol – dein Podcast für Inspiration und innere Balance
Bis zur nächsten Folge. Eure Ines 🌸💖
Transkript anzeigen
00:00:02: Willkommen bei Ruhrpol, deinem Podcast für Inspiration und innerer Balance.
00:00:07: Manche Erinnerungen begleiten uns ein Leben lang – doch was wenn einige davon gar nicht aus unserem eigenen Erleben stammen?
00:00:13: Heute geht es um die faszinierenden Grenzen zwischen Erinnern, Vorstellen und Weitergeben!
00:00:19: Und Bilder, die sich vertraut anfühlen, obwohl wir vielleicht niemals vorbei waren – Erinnerung, die nie unsere waren.
00:00:25: Können wir die Vergangenheit anderer in uns fragen?
00:00:29: Manchmal gibt es Bilder in unserem Kopf, von denen wir gar nicht genau wissen woher sie kommen.
00:00:34: Eine Straße ein bestimmtes Haus eine Küche eine Person die am Fenster steht.
00:00:40: Wir können die Szene beinahe sehen und trotzdem war mir vielleicht niemals dort.
00:00:44: Woher kommt dieses Bild?
00:00:46: Und noch viel spannender woher weiß unser Gehirn eigentlich welche Erinnerungen wirklich unsere eigenen sind?
00:00:51: Heute möchte ich mit euch über ein faszinierendes Phänomen sprechen, Erinnerungen an Dinge die wir möglicherweise niemals selbst erlebt haben.
00:00:59: Erinnerung ist keine Aufnahme!
00:01:01: Lange stellen wir unser Gedächtnis gerne vor wie ein Archiv.
00:01:04: Etwas geschieht?
00:01:05: Das Gehirn speichert es ab und jahre später holen wir die entsprechenden Erinnerer wieder hervor.
00:01:09: Doch so einfach funktioniert das nicht... Erinnering werden rekonstruiert?
00:01:15: Wenn wir uns erinnern, setzen unsere Gehirnen Informationen wieder zusammen Und dabei können sich Dinge verändern.
00:01:21: Das erklärt ein Phänomen, das in der Psychologie als False Memory bezeichnet wird.
00:01:26: Experimente zeigen dass Menschen unter bestimmten Bedingungen autobiografische Erinnerung an Ereignisse entwickeln können die tatsächlich nie stattgefunden haben.
00:01:35: besonders Vorstellungen wiederholte Erzählungen oder sukistive Informationen können dabei eine Rolle spielen.
00:01:42: Eine Metaanalyse von dreißig Studien bestätigen, dass sich solche komplexen falschen autobiografischen Erinnerungen experimentell erzeugen lassen.
00:01:51: Dabei lügen diese Menschen nicht!
00:01:53: Für sie kann sich die Erinnerung vollkommen real anfühlen.
00:01:56: Habe ich das erlebt oder wurde es mir erzählt?
00:01:59: Vielleicht kennt ihr diesen Moment.
00:02:01: Ihr erzählt deine Geschichte aus eurer Kindheit und plötzlich fragt ihr euch ... weiß ich das wirklich noch?
00:02:07: ?
00:02:08: Oder kenne ich die Geschichte nur wenn meine Eltern sie mir damals erzählt haben?
00:02:11: Genau hier wird das interessant.
00:02:13: Unser Gehirn muss nicht nur Informationen speichern, es muss auch speichert woher diese Informationen stammen.
00:02:20: Hab ich etwas erlebt?
00:02:21: Habe ich das auf ein Foto gesehen?
00:02:22: Hat meine Mutter mir davon erzählt?
00:02:24: Hab ich jetzt mir vorgestellt oder vielleicht sogar davon geträumt?
00:02:28: mit zunehmend zeitlichen Abstand kann die Herkunft einer Vorstellung schwieriger zuzuordnen sein.
00:02:34: Die Geschichte bleibt aber ihre Quelle kann verschwimmen.
00:02:38: Wenn Familiengeschichten zu inneren Bildern werden, damit kommen wir zu einem besonders faszinierenden Bereich.
00:02:45: Erinnerungen, die innerhalb einer Familie weitergetragen werden.
00:02:47: Vielleicht erzählt eine Großmutter immer wieder von ihrer Kindheit und ihrem Haus, vom Krieg, von einer Flucht, von einem Sommer oder einem Enkelkind... Und trotzdem entstehen Bilder mit jeder Erzählung während sie vertrauter.
00:02:59: Irgendwann kann diese Vergangenheit emotional erstaunlich nah erscheinen!
00:03:05: Die Wissenschaftlerin Marianne Hirsch.
00:03:07: Er prägte dafür den Begriff Post-Memory.
00:03:11: Sie beschäftigt sich insbesondere mit dem Nachkommen von Menschen, die schwere historische Erfahrungen gemacht haben.
00:03:17: Derisch bemerkte bei sich selbst das manche Geschichten ihrer Eltern lieber den Krieg in ihrem Gedächtnis lebendiger erscheinen als manches sehen in ihrer eigenen Kindheit.
00:03:28: Sie verschreibt Post-Memory als eine Beziehung zur Vergangenheit vor heriger Generation, die durch Geschichten-, Bilder und Verhaltenzweisen vermittelt wird.
00:03:39: Wichtig ist jedoch es handelt sich nicht um eine tatsächliche Übertragende Erinnerung.
00:03:44: sie entsteht durch Vorstellung, emotionale Beteiligung und Rekonstruktion Und trotzdem kann sie sich erstaunlich persönlich anfühlen.
00:03:55: Tragen wir Erfahrungen unserer Vorfahren biologisch in uns?
00:03:58: Hier wird das Thema noch kontroverser.
00:04:00: Epigenetik untersucht unter anderem, ob starke Umwelt- und Stresserfahrungen biologische Spuren hinterlassen können.
00:04:09: Es gibt hinweise darauf, dass Stress und traumatische Erfahrungen mit Veränderungen bestimmter epigenidischer Prozesse verbunden sein können.
00:04:16: Bei Tieren existieren interessante experimentelle Ergebnisse zur Weitergabe solcher Effekte über Generationen.
00:04:23: Beim Menschen ist die Lage jedoch wesentlich komplizierter.
00:04:27: neuere wissenschaftliche Übersichten betonen, das eine echte trans... generationale epigenetische Vererbung beim Menschen bisher nicht eindeutig nachgewiesen ist.
00:04:40: Umwelt, Erziehung, Spangerschafts- soziale Faktoren und genetische Einflüsse lassen sich nur schwer voneinander trennen!
00:04:47: Und vor allem, wir erben keine konkreten Erinnerungen.
00:04:50: Niemand erinnert sich aufgrund seiner Gene daran wie die Großmutteren in den Jungen aus der Straße gegangen ist.
00:04:58: Aber möglicherweise können Erfahrungen früherer Generation trotzdem Spuren hinterlassen durch Familiengeschichten Verhaltensweisen, Ängsten, Schweigen Beziehungen und vielleicht teilweise durch biologische Stressmechanismen.
00:05:12: Vielleicht tragen Familien mehr Vergangenheit in sich als wir denken Und damit verändert sich ihre Ausgangsfrage.
00:05:18: Vielleicht geht es nicht darum, ob wir die Erinnerung unserer Vorfahren buchstäblich besitzen?
00:05:23: Vielleicht geht das darum wie die Vergangenheit den Menschen weiterlehnt in einem Satz, den die Mutter immer wieder gesagt hat In einer Angst der Anursprungen, die man kennt, in einem Familienritual oder in einem alten Foto Oder in einer Geschichte, die so oft erzählt wurde Dass wir irgendwann Selbstbilder dazu besitze oder praktisch selber gezeugt haben in unserem Gehirn.
00:05:49: Und vielleicht besteht unsere persönliche Geschichte deshalb nicht ausschließlich aus dem, was wir selbst erlebt haben.
00:05:55: sie besteht auch aus Menschen die vor uns da waren auf den Geschichten ihren Entscheidungen das Ding über die wir gesprochen haben etc.
00:06:05: ja vielleicht mögt ihr heute einmal überlegen welche eurer frühesten Erinnerung sind wirklich eure eigenen?
00:06:11: Welche kennt ihr möglicherweise nur von Fotografien, Erzählungen etc.
00:06:16: und welche Geschichten eurer Eltern oder Großeltern sind euch zu vertraut dass ihr beinahe das Gefühl habt selbst dabei gewesen zu sein?
00:06:24: Vielleicht ist Erinnerung weniger ein persönliches Archiv als ein Geflecht außer lebtem erzähltem vorgestellten geträumten und weitergegebenen Und irgendwo darin liegt unsere eigene Geschichte.
00:06:36: in diesem Sinne bis zur nächsten Folge eure Innes.
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